How are you vs. Who are you

Ich bin auf der Suche nach neuen Kontakten in der Stadt. Eigentlich geht es mir in der ersten Linie um mehr Bekannte in der Nachbarschaft, da die meisten meiner Freunde weit weg wohnen, was spontane oder regelmäßige Treffen erschwert. Nach einem schönen Online-Treff mit unbekannten Leuten auf Meetup, lade ich Bumble auf meinem Handy herunter und aktualisiere mein Profil – ich war da nämlich schon mal, allerdings kurz. Die App verfügt über drei Modi: man kann dort entweder neue Freunde finden, Geschäftskontakte knüpfen oder daten. Bumble Bizz interessiert mich überhaupt nicht, aber sehr schnell schiebe ich zu dem Dating-Modus rüber und erstelle dort mein Profil. Ein Foto, wenig Text, lange Profilbeschreibungen auf Dating-Apps finde ich anstrengend. Here I am. Die ersten Stunden und Tage sind auf Dating Apps sehr spannend, insbesondere, wenn man sich vor lauter Neugier ein Upgrade bucht, um zu sehen, von wem die Likes kommen. Und es kommen am Anfang sehr viele. Das ist ein schöner Moment, Erweiterung der eigenen Bubble, es tut gut, zu sehen, von wem man einen Like bekommt, es schmeichelt und bringt Freude. Auch wenn es nicht viel bedeutet, außer, dass ich – wenn ich nur möchte – mit jedem dieser Männer Kontakt aufnehmen kann. Ob sie dann tatsächlich antworten und wie sich die Gespräche entwickeln, ist eine andere Sache.

Bumble an sich ist eine tolle App. Bei der Anmeldung wird man informiert, dass die Firma die Black Lives Matter Bewegung unterstützt, alle Menschen, die damit nicht einverstanden sind, brauchen sich dort erst gar nicht anzumelden. Ich finde es auch gut, dass Frauen der erste Schritt überlassen wird – nach einem Match kann nur eine Frau das Gespräch beginnen. Das erspart die Lektüre von einigen unangebrachten Anmachen oder auch Erhalten von den passiven „Hi`s“. Mir kommt das sehr gelegen, ich übe mich darin, wie man ein Gespräch eröffnen kann und bin dabei ziemlich erfolgreich, auf die meisten Nachrichten bekomme ich eine Antwort. Bei den nicht beantworteten lerne ich sofort, dass ich viel schneller hätte die Personen anschreiben sollen, anstatt ewig zu grübeln. Es lohnt sich nicht, so ist die Sache schneller geklärt und man kann weiter schauen.

Und dann kommt es. Die Frage, WIE es geantwortet wird, wenn eine Antwort schon kommt. Das ist nämlich bei Online-Dating ein Thema an sich. Die ewige Frage, die ich mir dabei stelle, lautet: ob ich auf einen Menschen gerate, der mit vollständigen Sätzen kommuniziert? Das wünsche ich mir immer. Das gibt es tatsächlich, eine Antwort erfolgt relativ schnell, ist meist sehr nett, bei vielen zeigt sich gleich schon ein bisschen der Charakter: humorvoll, komisch, oder emotional, was man an abgehakten Sätzen mit Auslassungspunkten erkennt. Meistens wird auch am Ende eine Frage gestellt, damit die Konversation in den Flow kommt. Dann klappt das Gespräch – zumindest zu einem gewissen Zeitpunkt – auch ganz gut. Es gibt aber auch einen anderen Kommunikationsstil. Einen, der tut, als würde es sich um einen Chat mit einem alten Bekannten handeln, wo man Unbekannte sehr lapidar nur „Hi, how are you“ fragt, oder mit maximal fünf Zeichen inklusive Emojis auf die Begrüßungsnachricht eingeht, ohne weiteren Verlauf des Gesprächs zu initiieren. Gar keine seltene Erscheinung. In solchen Fällen frage ich mich immer: wie kann die Frage wie es mir geht irgendeinen Sinn haben, wenn das Gegenüber überhaupt nicht weiß, wer ich bin. Wir treffen uns nicht im Fahrstuhl oder der Bürokantine, dass man das Gegenüber mit irgendeiner Floskel begrüßen muss, weil es so üblich ist.

Man könnte annehmen, dass sich bei Dating-Apps Menschen einloggen, die aus irgendwelchen Gründen motiviert sind, neue Leute kennen zu lernen. Was soll ich antworten, was zu dem Gespräch beiträgt, wie soll das das gegenseitige Kennenlernen fördern, wenn es von keiner zusätzlichen Frage, von keinem ehrlichen Interesse gefolgt wird? Dann denke ich mir: sei aufgeschlossen, schau was passiert. Lass dich darauf ein, vielleicht wird das noch. Ich antworte tatsächlich und verrate ein Bisschen von meinem Alltag, aber nichts Persönliches. Gespräche daraus weiter, es folgen Nachfragen, oder eben keine, aber es wird vom eigenen Alltag erzählt und das ist auch völlig in Ordnung. Wann passiert das? In den Chats mit Frauen bei Bumble Friends. Die Suche nach neuen Freunden läuft bisher gut, auch wenn sich nur Freundinnen finden und auch nicht unbedingt aus der unmittelbaren Nähe. Aber viele interessante und inspirierende Gespräche. Im Dating-Chat bekomme ich weiterhin jeden Tag die Nachfragen, wie es mir geht und nachdem beide Seiten sich vergewissern, dass es ihnen gut geht verstummt nach einigen wenigen Zeichen im Chat das Gespräch. Erstaunlich, dass die Kommunikation so knapp ausfallen kann. Ich entscheide mich, einige Gespräche zu beenden und nehme mir vor, nicht einfach zu ghosten, also aufhören zu schreiben, oder unmatchen, sondern es offen zu kommunizieren.

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